Ich habe gerade ein wenig in meinen alten Unterlagen gesucht und bin über einen interessanten Artikel von mir gestolpert. Er stammt aus dem Jahre 2004 und wurde in dem damaligen Magazin eMAG veröffentlich. Interessant sind die vielen Parallelen von der Diskussion um Erfurt und jetzt Winnenden. Und nicht wundern über den Schreibstil in fünf Jahren kann sich einiges ändern. (Das Original ist hier zu finden)
“Gemetzel im Kindergarten”, dies war der Titel einer Frontal21-Recherche von ZDF – ein weiteres Beispiel für den Sensationsjournalismus, der seit langem Einzug in die objektive Presse gehalten hat. Anstatt einer fundierten Untersuchung des Phänomens wird mit Angst gearbeitet.
„Er soll mit einem brutalen Computerspiel das Zielen erlernt haben.“ Diese Aussage wird als Fakt dargestellt doch ist es auch die Wahrheit? Der Zuschauer wird hier im Unklaren gelassen, keine Fakten, keine Beweise. Tatsache ist, dass Counter-Strike auf dem PC des Amokläufers von Erfurt installiert war. Tatsache ist aber auch, dass er in einem Schützenverein das Schießen professionell erlernt hat. Durch gezielte Übertreibung und Verwendung des Mittels Furcht wird ein verzerrtes Bild, fern jeder Wirklichkeit dargestellt. Diesen Beitrag nehme ich dem ZDF, als Chefredakteur des ersten eSports-Magazine und somit auch in gewisser Weise als Insider und Journalist und versuche hiermit den Eltern und Politikern einen Blick in diese Szene zu ermöglichen.
Grundlage dieser Recherche
Ein Artikel von einem der verrückten Computerspieler werden Sie sich denken, wird bestimmt nicht wahrheitsgetreu sein und bestimmt die Tatsachen verzerren. Aber wem trauen Sie ein Urteil mehr zu, Franz Beckenbauer oder Marcel Reich-Ranicki, wenn es um das Thema Fußball geht. Ich nehme an Sie schenken dem „Kaiser“ mehr Vertrauen. Deshalb hoffe ich, dass Sie mir auch mehr eben dieses Vertrauen schenken. Seit zwei Jahren setze ich mich schon journalistisch mit dem Thema eSport auseinander Dadurch ist es mir im Gegensatz zu den Redakteuren der „anerkannten“ Presse möglich, den eSport mit einer fundierten und authentischen Sicht- weise zu betrachten. Ich hoffe mit diesem Bericht Aufklärungsarbeit zu leisten.
Was bedeutet eigentlich eSport?
Definition von Wikipedia.de: Der Begriff eSport (englisch kurz für electronic sport) bezeichnet das wettbewerbsmäßige Spielen von Computer- oder Videospielen im Mehrspielermodus. eSport versteht sich entsprechend dem klassischen Sportbegriff und erfordert sowohl Spielkönnen (Hand-Augen-Koordination, Reaktionsschnelligkeit) als auch taktisches Verständnis (Spielübersicht, Spielverständnis). Diese Definition ist schon sehr treffend und zeigt um was es bei eSport geht, neben dem reinen Wettbewerb hat sich aber auch noch eine Subkultur drum herum gebildet. Wie bei anderen Sportarten gibt es die Presse, Ligen und Events.
Gewalt – notwendige Darstellung?
Ein Hauptproblem weshalb der eSport in Verruf gekommen ist, stellt der hohe Detailgrad an Gewalt dar. Ein Faktor der bei manchen Spielen zu einem gewissen Grad notwendig aber wiederrum bei anderen Spielen übertrieben ist. Doom 3 zum Beispiel hat einen hohen Detailgrad, auf der anderen Seite sind die Gegner abstrakte Fantasy-Wesen und keine Menschen. Bei Counter-Strike ist der Gegner zwar ein Mensch aber die Personen die Counter-Strike im Wettbewerb betreiben sehen in diesem „Blut“ nur ein taktisches Element. Im Gegensatz zu dem Glauben, dass der Spieler sich darüber freut, dass er einen weiteren Menschen getötet hat freut er sich eher darüber, dass er einen Gegner ausgeschaltet hat und so dem Team eine bessere Situation ermöglicht, um das Spiel zu gewinnen. Ein Faktor der schwer zu verstehen ist. Warum spielt dann diese Person nicht ein friedlicheres Spiel? Der Grund ist das Friedliche: Hier entsteht kein Zeitdruck, kein Leistungszwang und kein Trainingspotential. Der Mensch kann sich bei einem Spiel wie Warcraft III jedes Mal verbessern – eben mit ein bisschen Gewalt und ein bisschen Härte.
Der sportliche Wettbewerb!
Wie kommt es zu dieser abstrakten Beschreibung des eSports? Tag für Tag spielen Einzelspieler und auch Teams gegen Andere um sich zu verbessern und auch um in diversen Ligen ihren Tabellenplatz zu verbessern. Durch Siege erhalten die Spieler Bestätigung, sie erleben Erfolge, lernen mit Tiefen und Niederlagen umzugehen, arbeiten an ihren Schwächen und trainieren ihre Stärken. Alles Faktoren die man einem Sport tatsächlich zuschreiben kann. Deshalb gibt es auch eine große Anzahl von Turnieren, sei es an einem Wochenende auf einer LAN-Party oder über Monate verteilt in Saisons oder Cups gegliedert. Alle Facetten von Wettbewerben sind im eSport vertreten. Des Weiteren ist eSport eine Sportart vergleichbar mit Leichtathletik, welche sich nicht auf eine Disziplin beschränkt. In der Computerspielindustrie wird es immer Bewegung geben. So ist es nicht unüblich, dass manche Spieler zwischen Computerspielen wechseln und auch in anderen Spielen Erfolge erzielen.
Globalisierung von Freundschaften
Durch das Internet lernt man sehr viel schneller neue Menschen kennen als zumeist im realen Leben. Man freundet sich mit Menschen an die man noch nie in der realen Welt gesehen hat. Man nutzt LAN-Parties oder auch Konzentration führt zum Sieg Events. Aber es entwickeln sich auch Freundschaften die nicht auf dem Internet basieren, sondern immer nur kurzfristig auf den diversen Events. ESportler schätzen die seltene Zeit mit Freunden sehr viel mehr als andere Menschen. Ein neues Wertegefühl für Freundschaft ist entstanden!
Probleme mit dem Jugendschutz
Ein großes Problem ist der Jugendschutz, der aber in manchen Aspekten schon sehr ausgeprägt ist: Auf LAN-Parties ist es Pflicht seinen Personalausweis vorzuzeigen, auch wenn man die LAN-Party nur besucht. Computerspiele sind zwar relativ leicht zu beschaffen, auch wenn eine Altersbegrenzung vorhanden ist. Durch die Induzierung von Computerspielen ist es nicht mehr möglich einen Event, ein Turnier oder einfach eine Liga zu etablieren und dies wäre bei manchen Spielen ein herber Schlag für die Szene. Eine Indizierung von Counter-Strike würde in Relationen gesehen einem Verbot von Fußball gleich kommen.
Generationskonflikt in ungeahnten Größen
Ich verstehe absolut, dass auf den ersten Blick eSport sehr erschreckend wirken kann. Aber das Problem liegt nicht an der Gewalt in diesen Spielen, Gewalt gibt es zu Genüge im Fernsehen und darüber redet niemand mehr. Es ist natürlich das Problem des Neuartigen, was den Eltern und den Politikern Angst macht. ESport ist eine Kultur und mit ca. 1,5 Millionen Spielern allein in Deutschland auch ein großer Faktor geworden, deshalb sollte man als alte Generation versuchen sich mit dem Phänomen zu beschäftigen. Aber auch die neue Generation und alle eSportler sollten Verständnis für die Ängste der Eltern haben. Eine Diskussion könnte beiden Seiten sehr helfen.
Der Versuch eines Konsens
Eine Diskussion ist notwendig, im kleinen Rahmen der Familie aber auch im großen Rahmen mit Politikern. Ein voreiliges Verbot oder überzogenes Jugendschutzgesetz drängen die Szene in eine pauschale Ecke. Schon seit langem müssen die eSportler um Anerkennung kämpfen. ESport ist ein Teil unseres Lebens und wir wollen nicht darauf verzichten, wie wir auch das Fußballspiel am Wochenende nicht mehr missen wollen. In den letzten Jahren haben wir etwas Großes geschaffen und wir würden dies auch gerne mit Anderen teilen und mit Stolz darauf blicken.
Potential dieser Kultur
Wer kennt es nicht, man freut sich darüber wenn der Lieblingsfußballverein ein Spiel gewinnt. Als Jugendlicher hat man einen Rudi Völler angehimmelt. Solche Sachen haben auch langsam Einzug in der eSport-Szene. Innerhalb von ca. 10 Jahren hat sich der eSport als internationales Phänomen entwickelt. Auf Turnieren gibt es Preisgelder die in die Hunderttausende gehen. Hier haben Menschen ihr Hobby zum Beruf gemacht und schon jetzt, obwohl wir noch am Anfang stehen, gibt es in Deutschland Arbeitsplätze durch den eSport. Dieser Faktor kann sich in den nächsten Jahren noch verstärken. Des Weiteren ist es faszinierend zu sehen, wie viele ehrenamtliche Menschen es in der Szene gibt. Menschen die täglich mehrere Stunden in ein Projekt, eine News-Seite oder einen Clan investieren und sich freuen, wenn sie ein T- Shirt geschenkt bekommen. Es ist für die meisten eine Ehre dem eSport zu helfen sich zu entwickeln. Natürlich, das will ich nicht verschweigen, gibt es auch die typischen Probleme – wie Betrüger (sog. Cheater) in den Spielen – aber dies ist auch im realen Sport so und auch hier versuchen manche Personen sich einen wirtschaftlichen Vorteil zu verschaffen. Streitigkeiten sind alltäglich aber wenn man dadurch die Szene als gewalttätig einstuft, dann ist das bedenklich. Es wird noch lange dauern aber die Betreiber des eSport werden um seine Anerkennung kämpfen.
Ein persönliches Statement
Der eSport in Deutschland wächst alljährlich und damit auch die Angst besorgter Eltern und Politiker. Die Gefahr geht dabei nicht von den Gewaltspielen selbst hervor, sondern ist an das Verhalten und die Einstellungen der Spieler gebunden, denn Gewalt ist ein integraler Bestandteil der Menschheit. Hierbei geht es nicht darum einen Schuldigen zu finden, denn dadurch wird das Problem nicht gelöst. Es ist wichtig sich mit der Gewalt im Fernsehen, auf dem Computerbildschirm und in der realen Welt auseinanderzusetzen, darüber zu reden und zu erklären, dass Gewalt in jeglicher Hinsicht falsch ist. Es ist utopisch zu glauben, dass wir Gewalt aus dem Computer herausfiltern können, dazu ist einfach die Neugier in eine fremde Welt einzutauchen zu groß. Der Spieler kann sich austoben und niemanden wirklich verletzten.

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