Der monochrome Spiegel der Gesellschaft!

Die Diskussion über den Amoklauf von Winnenden ist sehr schnell auf die Killerspiel-Diskussion umgeschwenkt. In dem folgenden Artikel werden die journalistischen Reaktionen des Spiegels auf den Amoklauf hinterfragt – ein Beispiel für die einseitige und populistische Recherche des Magazins, insbesondere hierbei die Ausgabe 12/09 und der Artikel über den offenen Brief von Winnenden. Weiterhin werden Punkte besprochen und vor allem die Kehrseite der Medaille, d.h. Fakten, Untersuchungen und Meinungen genannt, die dem Phänomen Video Games positiv entgegentreten. Auch das Thema Online-Spielsucht muss kritisch angegangen werden, da durch eine sinnlose Verbindung der Themen, World of Warcraft zu einem Killerspiel gemacht wird.

Kommen wir zu der atemberaubenden Spiegelausgabe 12/09, ich war schlicht und ergreifend schockiert, dass ein Tim K. mich von der Titelseite anlächelt. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben seinen Traum erfüllt, er ist unsterblich geworden. Ein Spiegel-Titelbild, das gilt es nun erstmal zu toppen. Natürlich muss über den Amoklauf berichtet werden, aber mit der Darstellung des Amokläufers und der Visualisierung wird ein Amoklauf attraktiv gemacht, musste der Spiegel Dampf ablassen, weil man über Selbstmorde nicht berichten soll? Zur Erklärung über Selbstmorde wird nicht in den Medien berichtet, außer bei Personen öffentlichen Interesses. Ziel dieser Vorgehensweise und auch empirisch erwiesen, ist die Selbstmordrate zu senken, wenn nicht darüber berichtet wird. Der Spiegel hätte andere Bilder wählen können. Sind die Auflagenzahlen es wirklich wert, Leuten ein Ende mit einem medialen Orkan zu ermöglichen?

Kommen wir jedoch zu etwas Ämüsantem: Darstellungen die aus dem Kontext gerissen und absichtlich falsch dargestellt werden. Zum einen die Erwähnung des Liedes Christina Stürmer (Mehr Waffen, mehr Feinde), mich würde die Recherche interessieren? Dieses Lied wurde als Anti-Games Lied geschrieben. In diesem Moment finde ich den Vergleich zu dem Buch Starship Troopers von Robert Heinlein und deren Kinoumsetzung sehr passend. Ein Anti-Kriegs-Buch, das so subtil aufgebaut ist, dass nur der mündige Leser dies bemerkt. Muss jetzt das Lied verboten werden, weil der Autor und Tim K. die Nachricht nicht verstanden haben? Weiterhin das sehr populistische Bild auf Seite 42: Man sieht einen Counter-Terroristen, also ein Mitglied der GSG9 oder der SAS, der eine entführte Person anschießt. Dies entspricht aber nicht dem Ziel des Spiels Counter-Strike und wird mit einer Geldstrafe bestraft. Ein Verstoß gegen die Spielprinzipien, um die populistische Nachricht zu vermitteln. Unwissenheit als Nachrichtenmedium ist nicht vertretbar, dementsprechend kann man nur Absicht unterstellen. Ich dachte Propaganda ist verpönt in Deutschland.

Wenig Fingerspitzengefühl bewies der Spiegel mit der Positionierung des Artikels „Stoned vor dem Schirm“, denn dadurch wurde eine Verbindung zu dem Amoklauf und den Killerspielen hergestellt, die von Politikern gerne aufgegriffen wurde. Die Diskussion ist wichtig, keine Frage, doch dadurch wurde eine Verankerung zwischen Killerspiel und World of Warcraft geschafft. World of Warcraft und auch Warcraft gehören nun zu den Killerspielen. Wie sagt man so schön, man vergleicht ab jetzt Äpfel mit Birnen und bringt eine sehr wichtige Diskussion (Sucht) sofort zum erliegen. Doch kommen wir zu dem eigentlichen Thema des Artikels – der Sucht: Es stellt sich die Frage, wie verwendbar diese Studie von Herrn Prof. Pfeiffer überhaupt ist, da noch nicht wirklich viel über die Methoden der Befragung bekannt ist. Jedoch nehmen wir mal die 0.3 Prozent als gegeben an, dies bedeutet von 11 Millionen World of Warcraft Spielern sind 33000 süchtig oder von 4,75 Millionen 15 Jährigen sind 14300 süchtig, klingt doch gar nicht so schlimm. Gerade der Abschnitt ist psychologisch genial, am Anfang 44610 Neuntklässler und am Ende 14300 Süchtige; wenn man bedenkt, was die einfache Anreihung von Artikel Amoklauf mit Artikel Online-Spielsucht gebracht hat, ist die Zahl erschreckend; fast jeder Dritte ist süchtig. Beängstigend, nicht wahr? Man könnte jetzt sagen, jeder dritte 15-Jährige ist abhängig von Killerspielen, perfekt für die nächste Hart aber Fair Sitzung und ein rhetorisches Meisterwerk. Wir haben jetzt die Meinung des Autors dargestellt, doch was findet man durch einfache Google-Recherche (nicht Wikipedia) heraus. Für den normalen Spieler ist World of Warcraft ein Hobby, eine Beschäftigung mit Freunden nach einem Schul- oder Arbeitstag. Es ist vergleichbar mit einem Tischtennisverein und auch dort übertreiben (Sucht?) es manche und opfern fast ihre komplette Freizeit und/oder treten im Job kürzer, so wie Eckehard Weiß. Man kann sogar in World of Warcraft erfolgreich und aktiv sein und einen Oscar gewinnen, für die U.S. Legislative kandidieren oder ein Repräsentant Guams sein. Natürlich, dies will ich gar nicht bestreiten, gibt es eine Sucht-Gefahr, aber da muss man nur in das nächste Fitness-Studio gehen, um süchtige Muskelprotze zu sehen, in jedem Hobby kann man der Sucht verfallen. Mit 0,3 Prozent ist man noch gut bedient. Etwas was vollkommen in den Artikel fehlt ist das „Parental Control System“; hierbei handelt es sich, gerade bei World of Warcraft, um eine Möglichkeit, die Spielzeit zu beschränken. Das bedeutet, der Jugendliche kann nicht rund um die Uhr spielen, sondern nur so viel, wie die Eltern wünschen. Eine Methode, die offensiv mitgeteilt und allen Eltern erklärt werden muss. Gerade wenn es Quellen gibt, die World of Warcraft mit Kokain vergleicht. Um diesen Vergleich besser darzustellen, betrachten wir einmal die Abhängigkeitsquoten von Kokain und wenden sie an: Ein Spieler wird zu 5% Sicherheit nach einmaligem Nutzen süchtig und danach mit 15% Sicherheit süchtig. Wie jetzt, dementsprechend sind über eine Million Spieler süchtig und vor allem wie passt es mit den gegenläufigen Erfahrungsberichten der ersten Klinik für Spielesüchtige in der Niederlande zusammen, die der Meinung ist, dass nur 10% der Eingewiesenen süchtig sind und die anderen 90% aus dem Grund spielen, da sie sich von der Gesellschaft isoliert fühlen. „ In most cases of compulsive gaming, it is not addiction and in that case, the solution lies elsewhere“ (Keith Bakker). Es zeigt wieder, wie einfach man durch selektives Auswählen der Quellen einen Artikel sehr negativ formulieren kann und die andere Seite nicht erwähnt.

Ein ähnliches Bild findet sich bei der News über den offenen Brief der Opfer mit der sehr wertneutralen Überschrift: „Opferfamilien aus Winnenden verlangen Killerspiel-Verbot“, jedoch die Aussage „Wir wollen, dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder nicht mehr gezeigt werden“ einfach im Raum stehen gelassen wird. Es ist mir unbegreiflich, warum man nicht eine neutrale Überschrift gewählt hat, sondern dadurch die Stimmung des Artikels vorweggenommen hat. Wenn man den offenen Brief durchliest, erkennt man nirgendwo eine Auflistung, dass die Killerspiele der Hauptaugenmerk der Eltern sind. Wieso darf der Spiegel den Brief durch eine so plumpe Methode verfälschen?

Der Frage „Was ist ein Killerspiel?“ wird überhaupt nicht nachgegangen; hier ist Aufklärungsarbeit zu leisten. Ein Killerspiel ist in meinen Augen ein Gewalt verherrlichendes Spiel und genau die Spiele sind nach dem Gesetz zu verbieten und zu indizieren. Genau dort greift der Jugendschutz und dort arbeitet die USK. Es ist in meinen Augen ein Verstoß gegen jegliche Journalistik-Ethik, dies stillschweigend in Kauf zu nehmen und nicht über den sehr guten Jugendschutz in Deutschland zu schreiben. Man schießt sich gerade auf ein Medium ein, welches unbekannt ist und bis auf eventuell paar Millionen Informierte ein Buch mit sieben Siegeln. Deutschland jedoch ist ein einzigartiger Markt bei Videospielen, es gibt bei fast jedem gefährdeten Spiel eine explizite deutsche Version und die Killerspiele sind im Handel nicht erhältlich. Der USK, auch ein Mysterium, wird von der Regierung unterstützt und im Beirat tummeln sich Personen von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die deutsche Bischofskonferenz, die Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz und noch weitere Personen öffentlicher Gemeinschaften. Deutschland hat eins der striktesten Jugendschutzgesetze der Welt! Wieso greift das K.O.-Argument der Waffenlobby nicht: „Sie können doch nicht alle bestrafen, nur weil einer das Gesetz nicht befolgt.“ Obwohl „games don’t kill, people do.“

Ein weiteres beliebtes Mittel sind natürlich die empirischen Untersuchungen, die alle bewiesen haben, dass Killerspiele Schuld an den Amokläufen sind und das Militär diese Spiele nutzt. Doch wo kommen solche Aussagen her? „Violent videogames may have made us capable of killing – under a very specific set of circumstances – but they haven’t conditioned us to be killers. It would be more accurate to say we have been psychologically enabled to use deadly force in a combat situation, whereas before we were not.” (Quelle). Weiterhin sind auch solche Aussagen zur Hemmschwellsenkung interessant: „Possible Future for Military Training. DoD Directorate for Freedom of Information and Security Review“ von Ralph Chatham: „ “DARWARS would not replace field training. Nor would it teach what it feels like to patrol on foot through thick grass or take high g-forces in an aircraft, but it would give you repeated practice of what to look for and what to think about when doing such things. It would not reproduce the shock of a weapon going off 100 yards away from a soldier, but it would prepare our warriors’ minds with so many practiced instances of tactical thinking that even in shock they would instinctively know what to do.“ (Mit Darwars ist ein Programm gemeint, dass tatsächlich vom Militär genutzt wurde) oder das Pentagon, welche Modifikationen von handelsüblichen Spielen nutzt: „The Defense Dept. is taking notice. In fact, it has set up its own training program using a mixture of commercial games and in-house video simulation tools to train troops in leadership, reaction and warfighting scenarios, under the auspices of the Advanced Distributed Learning program.“ (Quelle)

Eine interessante Aussage zu der Gewalt findet man bei der Zeit, die den Herr Romer (Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) interviewt haben: „Es geht um Geschick und Wachsamkeit, man steht live im Actionfilm. Dabei wird eine Unmenge Adrenalin ausgeschüttet. Das primäre Motiv des Spielers ist also nicht die Lust am Töten, sondern das Durchkommen, das Sich durchschlagen. Deshalb ist das Strategiespiel Counter-Strike so beliebt: elf Millionen Mal verkauft, mindestens doppelt so oft kopiert. Das Prinzip ist in spannenden Büchern oder Filmen übrigens nicht anders, man bangt mit dem Helden. Im Spiel ist man selbst der Held.“ Weiter wird in einem anderen Artikel der Zeit gesagt: „ Der Kick ist, die eigene Spielfigur am Leben zu halten. Nur so gelangt man ins nächste Level.“ Es ist verständlich, dass dies für einen Außenstehenden schwierig nachzuvollziehen ist und brutal aussieht, jedoch ist das Bild vom Spieler und Zuschauer unterschiedlich und konträr zu der generellen Meinung. Die Presse und Politiker führen als Argument an, dass Gewalt im Fernsehen weniger Effekt hat als die Gewalt in Videospielen. Diese Aussage wurde von einer Studie von der British Board of Film Classification widerlegt, die zu dem folgenden Ergebnis kommt: „ gamers are aware that violence in games is an issue and younger players find some of the violence upsetting, particularly in games rated for adults. There is also concern that in some games wickedness prevails over innocence. However, most gamers are not seriously concerned about violence in games because they think that the violence on television” and in films is more upsetting and more real.“ (Quelle) Ein unangenehmes Ergebnis, besser nicht darüber berichten.

Soweit zum Punkt der nicht behandelt wurde und zur Frage, warum wurden die Problemzonen Killerspiele und Waffenbesitz auserkoren? Sie sind natürlich populistisch und sehr gut zu vermarkten, doch wieso interessiert es niemanden, nicht mal die freie Presse, warum Tim K. fast nur Mädchen als Opfer ausgewählt hat? Man ist sehr schnell dabei die identischen Faktoren zu untersuchen und daraus den Grund abzuleiten.

Natürlich kann man eine Mitschuld der Spiele nicht aberkennen (laut einer FBI Studie sind Computerspiele ein Faktor von 45 Faktoren, die zu einem Amoklauf führen können). Dies ist aber auch einseitig, denn es gibt genug, was man durch ein Computerspiel lernen kann, was einem zwar in der Arbeitswelt helfen, jedoch auch bei einem Amoklauf dienlich sein könnte. Zum Beispiel die Fähigkeit, schnell neue Ereignisse zu erkennen und auf neue Situationen zu reagieren. Weiterhin lehren Spiele, dass man trainieren muss, um gut zu sein und noch viele andere Sachen („The Kids are alright“ von John C. Beck and Mitchell Wade). Auch ist zu berücksichtigen, wie Herr Romer in der Zeit gesagt hat: „ Ein Junge, der außerhalb des Bildschirms schöne Dinge im Kontakt mit anderen erleben kann, wird ihn nach einer Weile von selbst ausmachen.“

Zusammenfassend ist wohl ein Verbot nicht zu verhindern, jedoch wird dies irgendwas lösen? Die Politiker schreien von Herstellungsverboten und Verkaufsverboten. Fast alle Entwickler von sogenannten Killerspielen sitzen im Ausland, der Far Cry 2 Entwickler sitzt in Kanada (fällt dies überhaupt unter Killerspiel?). Das geforderte Herstellungsverbot greift nicht, klingt zwar gut, ist aber sinnlos. Ein Verkaufsverbot wird zu Raubkopien führen. Far Cry 2 ist in Deutschland ab 18 Jahren, wie kam Tim K. an das Spiel, was er gar nicht haben dürfte? Eine Diskussion über ein Eindämmen von Raubkopien würde auch die Entwickler sofort an Bord holen. Hier ist sehr viel Potential möglich und würde auch so zu einer konstruktiven Diskussion führen.

13 Responses to “Der monochrome Spiegel der Gesellschaft!”


  • Super Beitrag, hoffentlich liest das der ein oder andere Politiker. Kann die (notwendige) Diskussion nur besser machen.
    Danke!

  • Schöner Beitrag und auch ich hoffe das sich der ein oder andere Politiker das anschaut.
    Aber eine Zusatzfrage hätte ich noch für dich : Wieso lehnen die Politiker eine Verschärfung des Waffengesetzes ab und forder hier eine objektive Diskussion die aber gleichzeitig Killerspiele ohne jegliche objektive Diskussion verbieten wollen?

    Einst wurde von Schünemann (glaub ich) gesagt: Die Spieleindustrie arbeitet mit der Kriegsindustrie zusammen(was natürlich total unfug ist).
    Eher scheint es dass diese Politiker die ein Killerspielverbot fordern mit der Waffen -und Schützenlobby zusammenarbeiten.

  • Man muss leider sagen, dass die Waffen-Lobby besser und effektiver Widerstand leistet und sie sind in der Politik, genauso wie in der Wissenschaft besser verdrahtet. Desweiteren kann man sich nicht so gut profilieren, wenn man gegen die Waffen ist. Wie wurde bei Maybritt Illner gesagt: Es gibt 6 Millionen Waffennutzer die dann einfach den wählen der Pro-Waffen ist (im weiteren Sinne). Natürlich könnte dass ein Gamer auch sagen, aber leider sind die meisten Gamer zugleich auch noch Politik verdrossen (was auch an der Killerspieldebatte liegt).

  • Sehr interessant. Kommt hier noch ein weiterer Beitrag? Möchte gern einiges mehr darüber erfahren. Kannst du mir per Mail antworten?

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  • Tras el perpetrar ‘ Dark Knight XXX ‘, Axel Braun no quiso
    perder la oportunidad de aprovechar la esperada ‘Batman v Superman’ para hacer su propia parodia y, de paso, adelantarse
    incluso a la original. Ahí sí que hay que reconocerle su valor y lo cierto es que,
    aunque no es ninguna maravilla, esta parodia acerca de el enfrentamiento de los superhéroes
    de DC es mejor que la que hizo acerca de el caballero oscuro hace
    unos años.

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